Eine postkoloniale Semi-Oper von Colectivo Yama mit der Musik von Henry Purcell, nach John Dryden & Robert Howard
Co-Regie mit Carlina Derks-Bustamante
Theater Aachen, November 2024
Eine Geschichte um Liebe und Rache und im Zentrum eine machthungrige »Königin der Azteken« – so könnte eine Zusammenfassung von Henry Purcells selten aufgeführter BarockOper »The Indian Queen« lauten.
Die aus Ecuador stammenden Künstlerinnen und Autorinnen der Gruppe »Colectivo Yama«, Carlina Derks Bustamante und Natalia Ortiz, nehmen Purcells Werk zum Anlass, um die Geschichte der tatsächlichen indigenen »Königinnen« ihres Landes zu erzählen: Schon immer haben Frauen den indigenen Widerstand gegen koloniale und neoliberale Ausbeutung von Mensch und Natur angeführt.
War die Semi-Oper von Purcell und seinem Autor John Dryden eine stereotype Handlung um Krieg und Intrige in exotisierender Kulisse, so ist »The Indian Queens« eine bildmächtige Fabel über den Widerstand und die Vision eines geglückten Zusammenlebens – die heutigen »indian queens« kommen zu Wort und ihr Kampf bekommt ein Gesicht.
Purcells Musik verbindet sich mit einem neuen Text, traditionelle Musik der Anden und barocke Musik mit dokumentarischem Filmmaterial und Oper mit Schauspiel.
Presse
»Ein überzeugendes Plädoyer dafür, dass man mit Opern auch mal ein bisschen freier umgehen kann.«
(Deutschlandfunk Kultur)
»Ein hoch emotionaler Schluss für ein Opernprojekt,
das die politische Bedeutungslosigkeit des Standardrepertoires weit hinter sich lässt.«
(nachtkritik.de)
»Nach der vom Publikum gefeierten Premiere des nun „The Indian Queens“ betitelten Abends nimmt der Besucher, die Besucherin mancherlei Erfreuliches mit nach Hause. Und das ist ausdrücklich eine Empfehlung, mal wieder ins Theater zu gehen.«
(Aachener Zeitung)
»Insgesamt überzeugt diese Inszenierung, nicht nur durch ihre klare Botschaft und Aktualität, sondern auch durch die gelungene szenische und musikalische Umsetzung.«
(nmz)
BESETZUNG
Musikalische Leitung Jori Klomp
Regie Carlina Derks Bustamante / Daniel Cremer
Mitarbeit Regie Natalia Ortiz
Bühne und Kostüme Fernando Derks Bustamante
Andine Sounds / Musik Joseluis Macas Parades / Ilyari
Derks Bustamante
Licht Dirk Sarach-Craig
Video Natalia Ortiz / Matias Canales
Dramaturgie Kerstin Grübmeyer / Isabelle Becker
Sinfonieorchester Aachen
Chor Opernchor Aachen
Extrachor Extrachor Aachen
Queen (Bärin) Bettina Scheuritzel
Princess (Jaguarin) Puah Abdellaoui
Purcell Philipp Manuel Rothkopf
Agua Andes Line Lerho
Agua Amazonas Evelyn Grünwald
Zempoalla Larisa Akbari
Harpyie Alexander Scheuermann
Kondor David Howes
Spirits of the Air Eva Diederix / Jennifer Tan
Assistentinnen (Statisterie) Mayssa Ben Attou / Lea Meeßen
Minenarbeiter (Statisterie) Emrach Achmetoglou / Mojtaba Ahmadi / Danijel Pavisa




Alle Fotos (c) Matthias Baus
INTERVIEW
Aus dem Programmheft: Die Autorinnen und Regisseur:innen Carlina Derks Bustamante, Natalia Ortiz, Daniel Cremer und Ausstatter Ferndando Derks Bustamante im Gespräch mit Dramaturgin Isabelle Becker.
Carlina und Natalia, seit zwei Jahren arbeiten wir schon gemeinsam an diesem Projekt und Ihr habt in dieser Zeit rund um Purcells Musik ein ganz neues Stück geschaffen. Der Titel ist geblieben – jetzt im Plural: „The Indian Queens“.
Carlina Derks Bustamante: Es war uns wichtig, den Originaltitel von Purcells Semi-Oper beizubehalten, auch wenn sowohl „indian“ ein Begriff der Kolonialzeit ist, den wir heute aus guten Gründen nicht mehr verwenden – und „queen“ ebenfalls auf diese Zeit verweist. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, den etwas provokanten Titel zu nutzen, um damit zugleich unsere Fragen an den Text oJenzulegen. Zum Beispiel: Wer sind die heutigen „indian queens“? In unserer Geschichte stehen Frauen aus Peru und Ecuador im Zentrum, die ihre Gebiete gegen illegalen und legalen Bergbau verteidigen, um die Natur und ihre Lebensräume zu schützen.
Natalia Ortiz: Für uns waren Purcell und seine Musik die erste Verbindung zur Bearbeitung des Stoffes. Es war einer der ersten Gedanken, ihn als Figur in die Handlung einzubetten, als Anker unserer Geschichte, die von Lateinamerika handelt und von einem europäischen Ensemble gespielt wird.
Was war im Entstehungsprozess der Schlüsselmoment, sich auf die Geschichten dieser Frauen zu fokussieren?
Natalia: Wir haben in unserer Beschäftigung mit dem Originalstück viele Recherchen über die Zeit betrieben, in der Henry Purcell und John Dryden das Stück geschrieben haben – und wie ihr Blick auf den südamerikanischen Kontinent von der Kolonisation geprägt war. Für uns war es entscheidend, zu begreifen, dass die Kolonisation zwar im 15. Jahrhundert begonnen hat, aber bis heute andauert. Und: Damals wie heute wurden nicht nur Menschen kolonisiert, sondern immer auch die Natur.
Carlina: Uns war es wichtig, den Diskurs des Postkolonialismus um diese Dimension zu erweitern: Seitdem der Mensch sich selbst zum Zentrum der Welt erklärt – spätestens seit der Entstehung der monotheistischen Religionen – sieht er die Natur als sein Eigentum, also als etwas, das er besitzt und ausbeuten darf. Er hat also als allererstes die Natur kolonisiert. Dagegen stellen wir jetzt die andine Kosmovision, die bis heute in den indigenen Kulturen Südamerikas lebt. Der Mensch ist darin nur ein Teil von vielen anderen – und ein Teil der Natur. Er ist selbst Natur. Das war für uns der Schlüssel für unser Stück. Wir ignorieren damit die Geschichte und auch unsere Gegenwart nicht, die voller kolonialer Gewalt und Unterdrückung ist. Aber wir lösen uns von Kategorien wie Schuld oder „Gut und Böse“, und nehmen uns alle in einen neuen Blick. Wenn wir Widerstand leisten und diesen im Stück zeigen dann nicht den von Menschen, die Natur verteidigen. Sondern von Natur, die sich selbst verteidigt.
Ihr habt in der Recherche zu diesem Text mit vielen Widerstandskämpferinnen aus Ecuador und Peru Gespräche geführt, die wir in Ausschnitten im Stück sehen werden.
Natalia: Wir beschäftigen uns schon länger mit den Frauen und ihrem Widerstand. Wenn wir recherchieren, dann versuchen wir, auch teilzuhaben. Wir demonstrieren mit, wenn indigene Frauen nach Quito kommen, setzen dann unsere Jaguar- und Bärmasken auf und halten nicht einfach nur die Kamera drauf. Irgendwann kannten uns die Leute: »Ah, du bist die Jaguar-Frau«. Dadurch entstehen ganz andere Beziehungen.
Carlina: Wir kennen viele dieser Frauen aus jahrelanger Zusammenarbeit und haben andere ganz neu kennen gelernt – so wie ihre Geschichten: Eine Frau wurde von Leuten aus ihrem Dorf geschlagen, weil sie das Wasser beschützen wollte. Als indigene Frau, die Quechua spricht, erfährt sie häufig Diskriminierung. Eine andere indigene Frau aus Lima, die wir interviewt haben, ist so berühmt, dass sie sogar auf einer Münze abgebildet ist. Vor zwei Monaten aber ist sie gestorben, weil sie es sich nicht leisten konnte, ins Krankenhaus zu gehen. Das Ziel dieser Interviews war, zu zeigen, wie viele unterschiedliche Frauen Widerstand leisten. Nicht nur indigene Frauen, auch Aktivistinnen, Intellektuelle, Anwältinnen, Künstlerinnen – sie alle setzen sich für den Schutz der Natur ein.
Das Wasser spielt eine bedeutende Rolle in dem Stück.
Und es ist mehr als eine allegorische Figur.
Carlina: Wasser hat ein Gedächtnis. In Südamerika sagen vor allem die älteren Menschen, dass Wasser nicht vergisst. Was uns als poetisch erscheint, ist wissenschaftlich bewiesen – denken wir zum Beispiel an Gletscher, die Krankheiten speichern.
Fernando: Die Älteren sagen auch, dass das Wasser immer bleibt und auf Grund der natürlichen Zyklen noch dasselbe ist wie zu Beginn der Welt. Das ist eine schöne Metapher, dass das Wasser die Geschichten der Welt in sich trägt.
Carlina: Das Wasser ist also Erzählerin und gleichzeitig Anlass, diese Geschichte zu erzählen, in einer poetisch-spirituellen Weise, aber auch ganz konkret. Vor mehr als zehn Jahren waren wir erstmals in Cajamarca in Peru, wo wir auf die Wächter:innen des Wassers trafen. Der Name klingt magisch – aber, dass sich Frauen und Männer um Oasen und Seen versammeln und sie bewachen, ist vor Ort auch eine harte Realität. Der Widerstand hat sich organisiert, in Gruppen namens »Ronderos« oder »Rondas«, das bedeutet: ländliche Patrouillen, die versuchen, die Wasserreservoirs zu beschützen. Im Laufe der Zeit sind Lieder des Widerstands entstanden. Eines davon hören wir auch im Stück.
Ein bedeutender Teil Eurer Arbeit als Colectivo Yama ist die Arbeit mit Masken. Die
Masken der Bärin und der Jaguarin, mit denen ihr demonstrieren geht, haben auch
ihren Weg nach Aachen gefunden und werden zum Symbol für die Teilhabe am
Widerstand. Wofür stehen sie?
Carlina: Mit dem Maskenspiel beschäftige ich mich schon seit über zwanzig Jahren und ich habe darin auch meinen Master absolviert. Maskenspiel ist sehr körperlich, was mir sehr liegt. Wir haben also das Maskenspiel auch in unsere Arbeit im „Colectivo Yama“ integriert. Die Bärenmaske steht für die Anden, die der Jaguarin für den Amazonas. Wir sprechen bewusst nicht in Ländernamen wie Peru und Ecuador, lieber von den Anden oder Amazonas, die mehrere Länder kreuzen. Beide Tiere symbolisieren ein großes Territorium und stehen in ihrer Stärke und Kraft auch für den Kampf der indigenen Völker dort. Diese Analogie zeigt sich auch in den Vögeln wie Kondor, der als Vogel für die Anden steht, während der Harpyienadler einer der größten Vögel des Dschungels ist.
Natalia: Es war uns es wichtig, die Arbeit mit Masken auch auf das Stück »The Indian Queens« zu übertragen. So können wir uns auch über die Sprachgrenzen hinweg verständigen – über die Körper verbinden wir uns mit den Ensembles, aber auch mit dem Publikum.
Wir haben im Prozess viel über kulturelle Aneignung gesprochen.
Was bedeutete das im Bereich der Ausstattung?
Fernando: Ich finde es natürlich eine wertvolle Diskussion, aber sie ist höchst komplex und auch nicht statisch. Im „Colectivo Yama“ führen wir diese Gespräche permanent. Auf eines haben wir uns geeinigt: Wir müssen wissen, wo die Dinge herkommen und eine Verbindung dazu aufzubauen. Ich habe mit traditionellen Maskenherstellern gesprochen. Auch sie sagten, das Wichtigste sei, aus sich selbst zu schöpfen und nicht zu kopieren. Ich habe Modedesign in den Niederlanden studiert und mich dadurch viel damit beschäftigt, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Für »The Indian Queens« habe ich mich von der Barockzeit und der indigenen Kultur inspirieren lassen und Elemente übernommen, ohne zu eindeutig zu sein. Letztlich bin ich meinem eigenen Stil gefolgt. Für uns ist es immer wichtig, die indigene Tradition zu wertschätzen, sie aber aus der Folklore herauszulösen, um etwas Neues zu kreieren und gleichzeitig die Tradition neu zu beleben. Südamerika hat über 500 Jahre Erfahrung damit, Kulturen und Traditionen zu mixen. Wir sind selbst sogenannte „Mestizen“, haben unsere Wurzeln in der europäischen und der indigenen Kultur.
Einige Figuren des Originalstücks sind erhalten geblieben, vor allem aber in ihren Funktionen, wie Queen und Princess. So auch Zempoalla. Wer ist sie?
Daniel: Zempoalla ist die Verkörperung des „Extraktivismus“, also des Abbaus von Rohstoffen aus rein wirtschaftlichen Gründen. Aus dem Barock und auch Purcells Opern kennen wir diese allegorischen Figuren. Bei uns ist Zempoalla nicht mehr die böse Königin, sondern eben die Chefin der „Zempoalla Company“. Sie steht für die Logik der Individuen, die sich in Maschinen verwandeln. Ihre Psychologie folgt der des Marktes und des Profits. Der Name Zempoalla ist tatsächlich ein indigener Name, der übersetzt so etwas bedeutet wie »Überfluss von Wasser«. Und das gibt es wirklich: große Firmen, die genau den Namen des Sees übernehmen, den sie im nächsten Moment verschmutzen und austrocknen.
Wie verbindet sich unser Stück mit Aachen?
Daniel: Ich komme ursprünglich aus Mönchengladbach, also vom anderen Ende des Braunkohlereviers. Ich bin aufgewachsen mit Garzweiler, wo mein Großvater geboren wurde, als dort noch ein Dorf war und kein großes Loch. In unmittelbarer Umgebung von Aachen findet gerade dieser Abbau statt, der den Minenprojekten in Südamerika gleicht und eine sehr unsichere Situation bewirkt: Wird der Rhein in ein paar Jahren noch genug Wasser haben, wenn sie die Löcher alle fluten? Was für einen EJekt hat es auf das Grundwasser in Aachen? Die Verbindung mit Aachen ist insofern auch speziell, weil dem Wasser in Aachen mit seinen Thermalquellen eine besondere Bedeutung zukommt. Die Themen, die wir verhandeln, haben also alle auch mit uns hier und heute zu tun. Im Stück lassen wir deshalb auch Purcell eine Wandlung vollziehen und sich seiner eigenen Naturhaftigkeit gewahr werden. Er nähert sich einem hier heimischen Tier an, als ein Symbol dafür, dass auch wir Europäer uns wieder mit der Natur verbinden können.
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